Quo vadis, Werbeblocker? Oder: Wie Google & Co. die Entmündigung von Internetnutzern vorantreiben

Heiße Frauen warten auf dich. Was tun bei Schwindel? Monatlich 8.000 € verdienen. Echte Singles, die es ernst meinen. Hautpilz ist kein Schicksal. Oder einfach nur: Hier könnte Werbung stehen; darf es aber nicht!

Worum geht’s? Um einen zwar offen ausgetragenen, aber dennoch heimlichen Krieg um die Köpfe der Menschen: Werbung gegen Wissen, Konzerne gegen Kunden, Selbstbestimmung gegen Konsum.

Auf der einen Seite stehen Inhalte-Anbieter aller Art, die über Werbung Einnahmen generieren, gerne mittels User-Tracking zur zielgenauen Platzierung und prinzipiell wenig zimperlich hinsichtlich Menge und Bandbreiten-Inanspruchnahme. Auf der anderen Seite finden sich jene Internetnutzer, für die dabei alle roten Linien längst überschritten sind und die den Kampf gegen die Überschwemmung durch irritierende bunte Bilder, nervende Videos, Banner und Pop-ups aufgenommen haben. Teils aus rationalen Gründen, weil Lesefluss und –spaß erheblich leiden, teils aus Kostenerwägungen, weil bei Mobilfunkverbindungen jedes Megabyte zählt, aber auch aus Sicherheitsgründen, weil Viren und Trojaner auch über Werbenetzwerke eingeschleust werden.

Oberflächlich gesehen mag es dabei nur darum gehen, dass ein altes Geschäftsmodell auf veränderte Realitäten prallt. Wie weiland, als sich Pferdekutschen der automobilen Konkurrenz ausgesetzt sahen oder als das Fernsehen dem Kino den Rang ablief. Hinter die Kulissen geschaut, wird aber klar, dass mehr dahinter steckt: Hier erwischt es erstmals diejenigen, die sich bislang ständig über Wasser halten konnten. Was den anderen auch immer passierte, wer auch immer wen ablöste, der bezahlte Platz für Hämorrhoiden-Salben, Bohnen in Dosen und Spülmittel ließ sich noch immer belegen.

Bislang, denn Anti-Tracking-Technologien, Werbeblocker und, wenn es sein muss, härtere Geschütze wie Anonymität durch VPNs ermöglichen Waffengleichheit durch eine Machtverschiebung zugunsten des Verbrauchers, der dadurch in der Lage ist, souverän zu agieren und Werbung gezielt auszuschließen – statt wie früher nur gedanklich auszublenden. Nicht länger nur hilfloses Objekt beliebiger Manipulationen, das sich im Real-Life auch weiterhin bestenfalls durch selektive Wahrnehmung und Toilettengänge während der Werbepausen schützen kann, wird er oder sie im Internet zum agierenden Subjekt und bestimmt selbstbewusst, welche Art Werbung man wo dulden will.

Das klappt so gut, dass auf der anderen Seite alle Alarmglocken schrillen und jede noch so abstruse Möglichkeit in Erwägung gezogen wird, dem Verbraucher klar zu machen, wem er denn eigentlich ‚gehöre‘. Hierbei hebt sich die traditionelle Wirtschaft ganz besonders hervor und mit ihr in erster Linie die Verlage, die auch schon vor dem Internet bestanden. Im Prinzip nur Zaungäste, meistens zu spät auf den Online-Zug aufgesprungen und ohne Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten des Netzes, verwechseln sie ihre Landnahme mit Akzeptanz und bemühen sich, auf altbewährte Art zu ihrem Geld zu kommen. Sie setzen Nutzer moralisch unter Druck, beklagen die ‚unsägliche Gratiskultur‘ des Internets und diffamieren die Anwendung von Werbeblockern als ‚Undankbarkeit‘. Die Netten unter ihnen bitten dabei noch höflich um das Abschalten von Werbeblockern beim Aufruf ihrer Seiten, die anderen verstecken sich lieber hinter Paywalls oder geben ihre Inhalte erst dann frei, wenn alle Werbeblocker deaktiviert sind. Die Hersteller von Werbeblocker vor Gericht zu zerren und Druck auf den Gesetzgeber auszuüben, gehört ebenfalls zum Standard-Repertoire.

Die neueren Unternehmen, die mit dem Internet aufgewachsen oder erst dadurch groß geworden sind, haben hier eindeutig bessere Karten. Auch sie sind mit der Entwicklung nicht zufrieden, brauchen aber nirgends ihre Muskeln spielen lassen, weil sie die Macht haben, die Dinge direkt zu beeinflussen – was am Ende natürlich auf dasselbe hinausläuft: die (wiederholte) Entmündigung des Verbrauchers. Globale Konzerne wie Apple, Google und Facebook schaffen die Tatsachen, die andere noch mühsam herzustellen versuchen, schlicht dadurch, dass sie ihre Position ausnutzen.

Facebook besitzt beispielsweise seine eigene Werbeplattform und hat es somit relativ leicht, Werbung an Blockern vorbei an den Mann und die Frau zu bringen. Die Werbemittel werden schlicht so getarnt, dass sie nicht oder nur noch entfernt als solche erkennbar sind. Und sollte der Anbieter eines Blockers seine Filter verfeinern, riskiert er, auch die gewünschten Inhalte unkenntlich zu machen und auf lange Sicht Kunden zu verlieren.

Google und iOS wenden einen anderen Hebel an, der mindestens genauso wirksam ist und ebenfalls kaum öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt: Sie ändern schlicht die Anforderungen zur Aufnahme von Apps in den jeweiligen Verteilungs-Plattformen, also dem Google Play Store und Apples iTunes, und entledigen sich dadurch elegant aller Entwicklungen, die ihre jeweiligen Geschäftsmodelle oder die Geschäftsmodelle einflussreicher Partner bedrohen könnten.

So geschehen auch bei CyberGhost. Eigentlich sind dessen mobile Apps die To-Go-Varianten des erfolgreichen Desktop-Clients für Windows, mit den gleichen Funktionen, den gleichen Profilen und der gleichen übergreifenden Bedeutung für alle laufenden Programme und Apps mit Verbindungen ins Internet. Als den Betreibern der App-Stores aber klar wurde, dass einzelne Funktionen, wie beispielsweise der Werbeblocker, dem eigenen Geschäft schaden oder zukünftige gefährden könnten, verschärfte man schlicht die Anforderungen, die eine App vor Veröffentlichung zu erfüllen hat. So erzwang man die Entfernung des Ad-Blockers aus der CyberGhost-Android-App, und auch Apple fand seine Begründung: Da die neue Version der iOS-App einen Werbe-Blocker enthält, der für alle auf dem Gerät befindlichen Apps greift, wurde sie von Apple abgelehnt, mit dem Hinweis, dass man Ad-Blocker nur noch für eine vorgesehene Schnittstelle des Safari-Browsers erlauben will. Pikanterweise erzwang Apple übrigens sogar die Entfernung des eigentlich für CyberGhost iOS 6 vorgesehenen Anti-Zensurprofils – was man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte.

Auf der Strecke bleibt in allen Fällen die Souveränität und die Privatsphäre des Verbrauchers, der keine Entscheidungsgewalt mehr darüber hat, welche Inhalte über sein Gerät angezeigt werden und welche nicht. Dies bestimmen Google und Apple für ihn, ganz in der Tradition herkömmlicher Unternehmen, die (noch) die öffentlichen Räume, Straßen, Sportarenen und TV-Kanäle beherrschen. Ganz einfach dadurch, dass sie entscheiden, welche Apps genehm sind und welche nicht. Ob und wie weit VPNs an sich unter diesen Voraussetzungen im mobilen Markt noch Bestand haben (und in welcher Form), ist dabei eine Frage, der man sich so langsam ebenfalls stellen muss. In Zeiten, in denen private Unternehmen zur Ausübung von Zensur ermächtigt werden, wie jüngst Facebook in Hinsicht auf unerwünschte Postings, kann man sich auch des Problems der Anonymität im Internet auf politisch saubere Weise entledigen. Ganz ohne Parlamente, Parteien, Abstimmungen, Gremien und Verfassungsrichtern: Man überlässt es den Konzernen.

Foto: Wilfred Iven (https://stocksnap.io/author/775)
Lizenz: Lizenz: CCC (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/)

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CyberGhost VPN - Uli
CyberGhost VPN - Uli

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