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Wie ein modernes Internet aussieht: Beispiel Nordkorea
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‚NSA-Schriftart‘ enttarnt Schlüsselwörter

Wie ein modernes Internet aussieht: Beispiel Nordkorea

Nordkorea hat die Lösung für alle wichtigen Internetprobleme der Gegenwart gefunden: 1) Nicht einzelne Seiten sperren, sondern freigeben (spart Arbeit), 2) ein eigenes nationales VPN aufbauen (schützt vor Angriffen von außen), 3) auf DNS-Server verzichten (keine Leaks) und 4) eine eigene Suchmaschine (werbefrei und ohne Tracking).

north korea internet

Wie man drauf kam? Ganz einfach: strenges Nachdenken. Und so präsentiert der für seine unkonventionelle Politik bekannt Staat ein Internet, das dank ausgeklügelter Datenkomprimierung auch noch ungemein performant ist, sozusagen als Sahnehäubchen oben drauf.

Die Basis: ein eigenes VPN

Das ausschließlich innerhalb der eigenen Staatsgrenzen verfügbare Korea-Internet grenzt sich zunächst aus Sicherheitsgründen komplett vom Rest der Welt ab. Weder NSA noch Google, weder Facebook noch GHCQ noch Netflix noch Amazon können so die wertvollen Daten der nordkoreanischen Bürger abschöpfen, analysieren und für Ihre Zwecke missbrauchen. Dadurch bleiben sie zu 100 % komplett in Besitz des Volkes, das ja bekanntlich der Souverän des kommunistischen Staates ist.

Die Struktur: Keine undemokratischen Seitensperren, nur freigegebene Websites

Durch die Ziehung notwendiger Grenzen entfällt die Notwendigkeit, potenziell gefährliche Seiten wie YouTube, 4chan, Hustler, ARD & ZDF und andere Wahrheitsverkünder zu sperren. Im Gegenteil, dadurch, dass alle im nordkoreanischen Netz verfügbare Seiten handverlesen, geprüft und explizit freigegeben sind, ließ sich die Gefahr auf null reduzieren. Sicherheitstechnisch ein voller Erfolg.

Keine Datenlecks durch Adressserver

Um der Gefahr durch Datenleaks durch DN-Server zu begegnen (DNS-Leaks) und die Bürger des Landes vor Phishingseiten und Zensur zu schützen, beschloss man kurzerhand, auf Adressserver zu verzichten und setzt stattdessen auf die Eingabe von Nummern. So ist 172.16.11.23 beispielsweise die Adresse der zentralen, unabhängigen Nachrichtenagentur des Vorbildstaates für ein modernes Internet – welche im Übrigen besonders gesichert und als einzige Webpräsenz auch aus dem Ausland heraus aufrufbar ist, beispielsweise für die vielen nordkoreanischen Touristen überall auf der Welt.

Eigene Suchmaschine

Lange Zeit war es für den Rest der Welt ein Rätsel, wie sich die Masse der nordkoreanischen Internetsurfer die Adressen der verfügbaren Webpräsenzen merken und sie verwenden konnte. Jetzt lüftete Aram Pan, ein Fotograf aus Singapur, der das Land für eine Fotoreportage bereiste, das Geheimnis: Überall im Land sind von der Regierung veröffentlichte Poster angebracht, die als Tracking-sichere Offline-Suchmaschine die Adressen aller 26 Websites beherbergen und mobil überall im Land mit hingenommen werden können, sozusagen als Handzettel für ein modernes Internet im Inland und als Instruktionen zum Nachbau für das hinterherhinkende Ausland.

 

ars technica: A handy cheat sheet for North Korea’s private “Internet”

Nordkoreanisches Internet-Poster, veröffentlicht von Aram Pan on DPRK360

‚NSA-Schriftart‘ enttarnt Schlüsselwörter

Fragt man Anwender, ob und wie sie auf die seit zwei Jahren nicht abreißenden Abhörskandale reagieren, haben sich vor allem die beiden folgenden Sätze ganz oben in der Verdrängungs-Top-Ten platzieren können: „Ich habe nichts zu verbergen“ und „Für mich interessiert sich niemand“.

Warum sich der Staat trotz der Unwichtigkeit von 99,99 % der Bevölkerung die Mühe macht, seine Bürger digital zu vermessen und in unbekannte Datenbanken einzustellen, ist dann zwar nicht so richtig einsichtig, aber immerhin gibt es Hilfestellungen, zumindest herauszufinden, was für ihn denn von Interesse sein könnte – so wie die ‘NSA-Schriftart’, die automatisch von Geheimdiensten verwendete Schlüsselwörter redigiert und aus den jeweiligen Texten herausstreicht.

project seen

Bislang leider nur für englische Texte verfügbar, zerlegt die vom slowenischen Künstler Emil Kozole im Rahmen seines ‚Project Seen‘ entwickelte Schriftart automatisch geschriebene Textpassagen und streicht jene Wörter mit Gefährdungspotenzial durch. Also jene, die das Zeug haben, die Aufmerksamkeit der NSA zu provozieren.

Das Projekt greift hierzu auf eine Wortliste zurück, die als Teil der NSA-PRISM-Datenbank von Edward Snowden 2013 veröffentlicht wurde. Das heißt, eigentlich müsste es NSA-PRISM-Datenbank heißen, denn neben Begriffen wie ‚Surveillance‘ (Überwachung) und ‚Government‘ (Regierung) befinden sich auch ‚Geheimdienst-eigene‘ Wörter wie ‚Agencies‘ und eben PRISM auf der Liste der ‘subversiven’ Wörter. Ein Leben oder eine Existenz mag also nicht unbedingt ‚interessant‘ für den Staat und seine Behörden sein, was er oder sie sagt, hingegen schon, und das umso mehr, je öfter solch staatszersetzenden Begriffe wie Privatsphäre, Onlineüberwachung, President und Internet verwendet werden. Oder, wie schon der Verschlüsselungs-Experte Bruce Schneier sagte: Die Gefährdung der Privatsphäre ist real.

Wie normal muss also jemand kommunizieren, der nichts zu verbergen hat und für den sich angeblich niemand interessiert? Wahrscheinlich in Zeichensprache, denn selbst normale Wörter wie ‚Pakete‘, ‚Texas‘, ‘Girls‘ und ‚Facebook‘ lassen die roten Lampen im NSA-Hauptquartier in Fort Meade leuchten – egal, ob nun in E-Mails, einer Google-Suche oder einem Facebook-Post. Dann hilft auch nicht die frei von der Projekt-Homepage herunterladbare NSA-Schriftart – nur, falls jemand auf die Idee kommen sollte, sie als Zensor zu verwenden, um auch weiterhin seine ‚Normalität‘ wacker verteidigen zu können …

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